Bahncard auf dem Abstellgleis


Weil die Besitzer von Bahncards damit zu oft spontan im Regionalverkehr umherreisen, wird mit dem neuen Tarifsystem diesem »Mißstand« ein Riegel vorgeschoben.

Von Richard Bercanay

Man hätte es ahnen können: Hartmut Mehdorn hatte bereits angekündigt, daß er nicht das Auto, sondern das Flugzeug als Konkurrenz betrachte. An dieser Vorgabe richtete er bisher schon seine Bahnpolitik aus, indem er auf Fernstrecken setzte und die Regionalverbindungen immer weiter zusammenstutzte. Jetzt sattelt er mit der Bahn-AG auf ein Tarifsystem um, daß er den Flugtarifen abgeguckt hat.

Wer sich frühzeitig auf eine Zug festlegt, wird mit Rabatten belohnt. Damit will die Bahn die Auslastung der Züge im Fernverkehr besser steuern. Weil es nun mit dem Rabatt von 50%, den es auf die Bahn-Card gibt, nicht so attraktiv ist, den Zug bereits im Voraus zu buchen (und möglicherweise auch noch draufzuzahlen, wenn man den Zug verpaßt), wird der Rabatt, den es mit der Bahn-Card gibt, auf 25% gesenkt. Die Kosten für die Bahn-Card sinken zwar, wer sich jedoch in erster Linie damit im Regionalverkehr bewegt, und sich spontan zu Bahnfahrten entschließt, wird draufzahlen.

Unter dem neuen System werden ebenfalls die Berufspendler leiden, für die sich Monatskarten nicht lohnen und die statt dessen lieber mit der Bahn-Card die Hälfte des Fahrkartenpreises bezahlen. Leute, die sich in erster Linie im Regionalverkehr mit der Bahn-Card bewegen, können mit dem neuen Konzept durchaus jährlich 1000 Mark mehr bezahlen als bisher, haben Fahrgast- und Regionalverbände ausgerechnet.

Mehdorn wandelt somit weiter auf seinem Irrweg, das Flugzeug als wichtigsten Konkurrenten der Bahn zu sehen. Im Fernverkehr können mit dem neuen Bahn-Card-Konzept durchaus 60% des Fahrpreises eingespart werden, insbesondere wenn man sich frühzeitig auf einen Zug festlegt – den man dann allerdings auch nicht verpassen darf, denn sonst verfällt das Ticket.

Der Treppenwitz, bei diesem neuen System ist, daß Grundlage hierzu die Erkenntnis der Bahn-AG war, daß in überfüllten Zügen die Mehrzahl der Menschen Besitzer von Bahn-Cards waren. Nun setzt jedoch der gleiche Reflex ein, wie er auch schon einsetze, als das Wochenend-Ticket zu einem  verkehrspolitischen Erfolg wurde: Statt zu überlegen, wie der Fahrgastandrang besser bewältigt werden könnte (zum Beispiel durch Erhöhung des Fahrtaktes oder dem Einsatz längerer Züge), sorgt man dafür, daß der Fahrgastandrang zurückgeht.

Gerade im Regionalverkehr ist es verkehrspolitisch wünschenswert, daß möglichst viele Menschen auf die Bahn umsteigen. Statt die Bahn-Card von Jahr zu Jahr durch steigende Preise unattraktiver zu machen, beziehungsweise mit dem neuen Konzept die Menschen, die sich im Regionalverkehr bewegen, gänzlich von der Bahn zu vergraulen, hätte man sich im Gegenteil Maßnahmen überlegen müssen, wie man gerade im Regionalverkehr die Benutzung der Bahn für die Menschen attraktiver gestaltet.

Neben den zahlreichen Steckenstillegungen im Nahverkehr, sowie der massiven Streichung der attraktiven InterRegio-Zugstrecken hat Mehdorn dem Regionalverkehr bereits schwer zugesetzt. Tritt das neue Konzept so, wie Mehdorn und seine Börsenbahn-Kollegen es vorsehen, in Kraft, wird sich die Bahn aus dem Regionalverkehr fast vollständig verabschieden, weil die Entscheidung für das Auto dann allemal attraktiver wird, als mit der Bahn-Card einen Zug zu benutzen, für den es kaum noch Rabatt gibt.

Dies belegt ein weiteres Mal, daß die Privatisierung der Bahn ein Fehler ist. In Privatunternehmen spielen verkehrspolitische Überlegungen eine untergeordnete Rolle. Statt dessen wird auf die Systeme geguckt, die den meisten Gewinn abwerfen, und dies ist der Fernverkehr. Politisch jedoch wäre die massive Förderung des Nahverkehrs angezeigt, doch der soll nach Mehdorns Vorstellungen von den Ländern und Gemeinden finanziert werden – die Gewinne werden privatisiert, die Schulden vergesellschaftet.

Obendrein noch darauf hinzuweisen, daß insbesondere diejenigen von dem  neuen Tarifsystem profitieren, die ihre Ticket über das Internet bestellen, ist zum einen recht verwegen und mißachtet zum anderen, daß auch heute noch viele Menschen nicht im Besitz eines Zugangs zum Internet sind.

Ein Konzept, wie Mehdorn und seine Börsenbahner es vorgelegt haben, kann verkehrspolitisch langfristig nicht aufgehen. Man kann es auch nicht verbessern, man kann es nur in den Reißwolf geben und ein neues Konzept entwerfen. Wenn die Verkehrspolitik es ernst meint mit der Verkehrswende, gehört zunächst die Privatisierungsentscheidung mit Blick auf die Bahn revidiert. Danach sind durchdachte verkehrspolitische Konzepte wieder möglich.

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