Zeitarbeit als Sackgasse


Zu den zentralen Elementen der Reformen auf dem Arbeitsmarkt durch die rot-grüne Regierung Schröder gehörten die Normierung der Zeitarbeit und ihre Erschließung als Flexibilitätsreserve für die Unternehmen. Zu diesem Zwecke wurde die Zeitarbeit durch rot-grün maßgeblich dereguliert, unter anderem wurde das sogenannte Synchronisationsverbot gestrichen, welches verhindern sollte, daß Zeitarbeiter durch die Zeitarbeitsfirmen sofort auf die Straße gesetzt werden, wenn es für sie keine Arbeit gab.

Das Gesetz zur Zeitarbeit, welches die Regierung Schröder durchsetze, sah zwar durchaus die Gleichbehandlung und auch die gleiche Bezahlung der Zeitarbeiter durch die Entleihfirmen vor, ließ hier jedoch ein entscheidendes Schlupfloch, welches von den Zeitarbeitsfirmen ausgiebig genutzt wurde: Durch tarifliche Vereinbarungen konnten schlechtere Bedingungen vereinbart werden. Inzwischen gilt die Zeitarbeitsbranche als eine der Branchen mit der höchsten Dichte an Tarifverträgen. Die Menschen in Zeitarbeit verdienen dadurch in der Regel deutlich weniger als ihre festangestellten Kollegen. Der Gleichbehandlungsgrundsatz im Gesetz ist in der Praxis ausgehebelt.

Befürworter der Zeitarbeit wie der damalige Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement, der inzwischen selbst in den Aufsichtsrat einer Zeitarbeitsfirma gewechselt ist, betonten den sogenannten »Klebeeffekt«, womit gemeint ist, daß Zeitarbeit nach einiger Zeit, wenn sie sich bewährt hätten, in feste Arbeitsverhältnisse in den Entleihfirmen übernommen würden. Zahlreiche Studien haben diese Behauptung inzwischen widerlegt und sehen allenfalls eine Übernahme von ca. 14% der Zeitarbeiter in feste Arbeitsverhältnisse. In ihrer jüngsten Studie kommt das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung zu der Erkenntnis, daß nur sieben Prozent der Arbeitslosen nach zweijähriger Zeitarbeit in eine feste Anstellung übernommen werden (Meldung im ZDF-Videotext vom 29.06.2010).

Leiharbeit sei aber besser als andauernde Arbeitslosigkeit, so das Institut. Auf der anderen Seite werden indes die vielen Nachteile, die durch diese Art der unregulierten Zeitarbeit bringen, öffentlich kaum oder gar nicht thematisiert. Durch die niedrigeren Löhne, die in der Zeitarbeit gezahlt werden, entgehen den Sozialversicherungen Monat für Monat Beiträge. Daß Unternehmen die Zeitarbeit inzwischen als Mittel zur Lohnkostensenkung entdeckt haben, wird nur in extremen Fällen wie jüngst bei Schlecker erwähnt. Daß zahlreiche Unternehmen damit ihre Gewinne auf Kosten der Leiharbeiter steigen, ist in der öffentlichen Diskussion kein Thema.

Weil den Zeitarbeitern ständig in Aussicht gestellt wird, sie könnten auch in eine Festanstellung übernommen werden, strengen sich diese besonders an und sind besonders motiviert, womit auch die Kernbelegschaften unter Druck geraten. Der Umstand, daß die Löhne, die in der Zeitarbeit gezahlt werden, niedriger sind, führt letztlich auch zu Lohndruck bei den Kernbelegschaften.

Hinzu kommt noch, daß Zeitarbeiter völlig schutzlos sind. Auch dies wird von Unternehmen gerne gesehen: Wenn eine Flaute in der Auftragslage eintritt, können Zeitarbeiter schnell und unkompliziert entlassen werden, völlig ohne Kündigungsschutz, Sozialauswahl oder Abfindung. Allein schon deshalb wird Zeitarbeitern oft die Übernahme in eine Festanstellung zwar in Aussicht gestellt, aber nur selten realisiert.

Vordergründig sinkt zwar die Arbeitslosigkeit, und formal steigt auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse, bei genauerem Hinsehen jedoch steigt die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse, bei denen das unternehmerische Risiko auf die Zeitarbeit abgewälzt wird, zudem auch niedrigere Löhne gezahlt werden, die, wie oben bereits erwähnt, zu niedrigeren Beitragszahlungen an die Sozialversicherungen führen. Bei gering qualifizierten Tätigkeiten kommt dann in der Regel noch hinzu, daß die Zeitarbeiter ihr Gehalt – nicht selten auch bei Vollzeitstellen – durch Hartz IV aufstocken müssen.

Betriebswirtschaftlich mag die Zeitarbeit den Unternehmen nutzen, Volkswirtschaftlich schadet diese Form der Arbeitsverhältnisse mehr als sie nutzt. Die sozialpolitischen Lasten werden einmal mehr in die Zukunft verlagert, zudem haben die Zeitarbeiter keine langfristige Sicherheit die es ihnen ermöglichen würde, eine Familie zu gründen oder sonstige längerfristige Verpflichtungen zu übernehmen. Auch dies sollte berücksichtigt werden, wenn über Zeitarbeit diskutiert wird.


Literatur zur Zeitarbeit: Schröder, Gerhard: Fleißig, billig, schutzlos. Leiharbeit in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung 2010. Link zum Buch

Breitscheidel, Markus: Arm durch Arbeit. Erschienen im Ullstein-Taschenbuchverlag 2010.

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