Arztrechnung für Patienten?


Im diesjährigen Sommerloch wird mal wieder die Forderung laut, daß den Patienten eine Rechnung für den Arztbesuch ausgestellt werden soll, die dieser dann auch unterzeichnen soll. Dies soll zum einen für Kostentransparenz sorgen – der Patient soll wissen, was er der Krankenkasse kostet – und gegen Abrechnungsbetrug bei Ärzten helfen. Schauen wir uns diese beiden Argumente der Reihe nach an:

Auf die Idee, daß dem Patienten ein Kostenbewußtsein geschaffen werden soll, kommt man vor allem dann, wenn man ein primär ökonomisches Verständnis vom Gesundheitssystem hat. Denn welche Intention steckt hinter dieser Auffassung? Der Patient soll sehen, wie viel seine Behandlung kostet und ein Kostenbewußtsein entwickeln. Und was soll er damit tun? Bei einem starken Husten nicht zum Arzt gehen sondern damit lieber warten, bis sich dieser zu einer handfesten Lungenentzündung oder einer chronischen Bronchitis ausgewachsen hat? Soll vielleicht der chronisch kranke Patient überlegen, ob er den Krankenkassen weiterhin so viel Geld kosten will oder sich nicht doch lieber doch einen Strick nimmt und aufhängt?

Wer diesen Vorschlag macht übersieht, daß viele Patienten eben deshalb zum Arzt gehen, weil sie krank sind. Sie haben ein Recht darauf, behandelt zu werden, alles andere wäre menschenverachtend, auch die Abschreckung vom Arztbesuch durch die Erzeugung eines schlechten Gewissens. Insofern ist der Versuch abzulehnen.

Das zweite Argument kommt durchaus plausibler daher, zumal in den letzten Monaten der Abrechnungsbetrug durch Ärzte auch immer wieder Thema war. Aber hilft die Unterzeichnung einer Rechnung durch den Patienten wirklich? Allenfalls könnte hier sichergestellt werden, daß nicht hinter dem Rücken des Patienten eine Leistung aufgeschrieben wird, die dem Patienten gar nicht erbracht wurde. Aber wer als Arzt wirklich die kriminelle Energie hat, einen Abrechnungsbetrug zu begehen, der findet letztlich andere Möglichkeiten.

Soll der Patient vielleicht am Ende noch beurteilen, ob eine Therapie, die der Arzt ihm angedeihen ließ, notwendig war oder nicht? Letztlich sind die Patienten überwiegend Laien und können in der Tat nicht beurteilen, welche Behandlung und welche Medikation notwendig ist. Und letztlich entzieht sich die Möglichkeit zur Beurteilung dieses Tatbestandes auch den Krankenkassen, die diese Rechnungen bekommen: War die Behandlung notwendig oder nicht?

Zudem sollte nicht vergessen werden, daß der Patient in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Arzt steht: Er ist darauf angewiesen, daß der Arzt ihn nach allen Regeln der Kunst behandelt. Kann man da wirklich vom Patienten erwarten, daß er die Unterschrift unter eine solche Rechnung verweigert, wenn er beim nächsten Besuch wieder gut behandelt werden möchte? Wird hier nicht ein Mißtrauensverhältnis geschaffen, welches dem notwendigen Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient abträglich ist?

Zudem steht zu befürchten, daß, wenn eine solche Rechnung erst mal eingeführt ist, in einem nächsten Schritt die Kassenpatienten die Behandlung in Vorleistung selbst bezahlen müssen, um das Geld dann von den Krankenkassen zurückzuerhalten, so wie es heute schon bei den privaten Kassen üblich ist. Das wäre dann insbesondere für sozial Schwache ein maßgebliches Hindernis zum Arzt zu gehen und würde diese Bevölkerungsgruppe maßgeblich benachteiligen.

Aus guten Gründen gab es die Rechnungsstellung in der gesetzlichen Krankenkasse bislang nicht. Sie einzuführen wäre ein zweifelhaftes Mittel gegen Abrechnungsbetrug. Allerdings ist es ein gutes Mittel, bei Patienten ein schlechtes Gewissen bei der Inanspruchnahme von Leistungen auszulösen und ihn somit mit sanftem Druck daran zu hindern, zum Arzt zu gehen und die Leistungen in Anspruch zu nehmen, die ihm eigentlich zustehen. Der Schaden wäre größer als der Nutzen, und insofern ist diese Idee abzulehnen.

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