Warum Sarrazin kein Held ist


Sarrazin geht – die Debatte bleibt, das ist der Tenor einiger Zeitungen. Andere werden die Debatte sicher noch weiter befeuern. Was haben wir in den letzten Wochen alles lesen dürfen über Sarrazin, den Tabubrecher, den Helden…

Bei genauem Hinsehen ist er jedoch kein Held. Er hat noch nicht mal Tabus gebrochen sondern inzwischen ein Buch vorgelegt, von dem noch am Tag der Vorstellung ein Politikwissenschaftler auf Phoenix sagte, daß die Statistiken, auf die Bezug genommen wird, teilweise falsch sind oder falsch interpretiert werden. Auch das will gelernt sein.

Sarrazin wirft den Medien einen Happen hin und sie stürzen sich begierig darauf. Ob Sarrazin nun gegen Hartz-IV-Empfänger ausfällig wird, ob er Türken und Araber pauschal als dumm bezeichnet, er kann sich sicher sein, daß er mindestens bei den Zeitungen mit großen Buchstaben auf der Titelseite landet. Inzwischen sagen uns Umfragen, daß über die Hälfte der Deutschen seine Thesen teilen. Stimmte dies, wäre das sehr bedenklich und sagte vieles aus wahlweise über die Bildung in unserem Land oder die politische Kultur.

Stimmen Sie den Thesen von Sarrazin zu? Es ist davon auszugehen, daß die Umfrager nicht nachgeprüft haben, ob jene, die mit Ja geantwortet haben, sich überhaupt darüber im Klaren waren, was die Thesen von Sarrazin sind. Denn es ist zu erwarten, daß sich vielleicht der ein oder andere noch mal überlegt hätte, ob er tatsächlich Türken und Araber pauschal als dümmer bezeichnen möchte, oder ob er die abwegige Thesen über die Juden teilt, die bereits gefährlich nahe an die Rassentheorien der Nationalsozialisten heranreichen.

Hier liegt auch die Begründung, warum Sarrazin kein Held ist: Seine Äußerungen sind keine Tabubrüche sondern eine Ansammlung von Vorurteilen und Klischees, die vorzugsweise im rechten Lage gepflegt werden. Die Mehrzahl seiner Äußerungen entstammen dumpfen Gefühlen, die sich empirisch nicht belegen lassen. Zumindest geht es ihm nicht um eine Diskussion über die Integration von Ausländern, was sich schon daran ablesen läßt, daß seine sogenannten Thesen nicht nur in der Sache falsch sind, sondern sich vor allem darauf richten, andere auszugrenzen. Wer so spricht, dem liegt eben nicht die Integration am Herzen sondern das genaue Gegenteil.

Eine weitere Beobachtung der letzten Tage ist, daß einige Kommentatoren der SPD den wohlmeinenden Rat geben, Sarrazin in ihren Reihen auszuhalten, etwas für ihre innere Diskussionskultur zu tun und das Ausschlußverfahren einzustellen. Mal abgesehen davon, daß dies alleinige Sache der SPD ist, wäre der Partei allemal zu empfehlen, Sarrazin auszuschließen. Parteien sind Tendenzbetriebe, die sich in politischen Fragen auch abgrenzen müssen, wenn sie ihr politisches Profil wahren wollen. Insofern liegt es für Parteien auch nahe, daß sie sich um eine politisch-inhaltlich schlüssige Außenpräsentation bemühen. Wer allzuweit vom Parteiprogramm abweicht und selbst nicht merkt, daß er der Partei mehr schadet als nützt, darf getrost darauf aufmerksam gemacht werden.

Sarrazin hat bereits eine Rüge hinter sich, aus der er sichtlich nichts gelernt hat. Der Parteiausschluß wäre jetzt folgerichtig, will die Partei nun gerade auch in diesen Fragen nicht Mitglieder an Bord haben, die die Argumentationsmuster rechter Postillen und Populisten bedienen. Und es wäre notwendig, daß die SPD dem Eindruck entgegentritt, Sarrazin konnte auch nur teilweise recht haben mit dem, was er sagt.

Eine Debatte um die Integration zu führen ist eine Sache. Sie sollte aber nicht anhand dümmlicher Vorurteile geführt werden, wie sie Thilo Sarrazin im Hinblick auf Türken und Araber bemüht. Und auch die Medien täten einer sachlichen politischen Debatte einen Gefallen, wenn sie nicht ständig auf jede Provokation Sarrazins aufspringen würden.

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4 Antworten zu Warum Sarrazin kein Held ist

  1. BlackHole schreibt:

    daß die Statistiken, auf die Bezug genommen wird, teilweise falsch sind oder falsch interpretiert werden
    Sarrazin vorzuwerfen, er könnte nicht mit Statistiken/Zahlen umgehen… ist einfach lächerlich.

    • bercanay schreibt:

      Wie in dem Kommentar geschrieben urteilt so ein Politikwissenschaftler über den Umgang mit den Statistiken in Sarrazins Buch. Ich halte das nicht für lächerlich, zumal ja nicht auszuschließen ist, daß hinter einer Fehlinterpretation eine politische Absicht stecken kann.

      • BlackHole schreibt:

        @bercanay
        Jeder der einigermaßen Statistiken lesen kann, der kann auch die richtigen Schlußfolgerungen aus diesen Statistiken ziehen.
        Sarrazin ist ein „Zahlen/Statistik-Mensch“… der kann also mit diesen Dingen umgehen… und er kann/wird die richtigen Schlußfolgerungen daraus ziehen. Klar ist auch, diese Schlußfolgerungen bzw. die Aussagen Sarrazins dazu, passen div. Politikern/Parteien derzeit ganz und gar nicht. Was liegt also näher als Herrn Sarrazin irgendeine wie auch immer geartete politische Absicht zu unterstellen…

      • Richard Bercanay schreibt:

        Die Diskussion bringt uns jetzt insofern nicht so besonders weiter, weil ich hier auch nur den Politikwissenschaftler wiedergegeben habe, der sich in Phoenix dazu geäußert hat, und zwar in der Weise, auf die ich mich bezogen habe. Ob Sarrazin mit solchen Dingen umgehen kann oder nicht steht auch nur am Rande debatte, denn auch jemand, der mit Statistiken umgehen kann, kann Schlußfolgerungen aus ihnen ziehen, die in sein politisches Weltbild passen oder seinen politischen Interessen entsprechen.

        Ich gebe auch ganz freimütig zu, daß ich zur Zeit keine andere Möglichkeit habe, als mich auf das Urteil des Politikwissenschaftlers zu stützen, der das Buch bereits gelesen hat, denn ich habe das Buch noch nicht gelesen. Nach den Äußerungen Sarrazins in der Öffentlichkeit bezweifle ich auch, ob das so besonders lohnenswert ist. Denn es sind ja schon hinreichend Äußerungen Sarrazins im Raum wie die dümlichen Bemerkungen über Kopftuchmädchen oder die Behauptung, daß Türken und Araber pauschal dümmer seien. Da braucht man keine Statistiken für und auch kein Studium um zu erkennen, daß das falsch und dumm ist.

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