Der Doktor für’s Wahlplakat


Während sich zu Guttenberg mittlerweile offenbar damit abgefunden hat, daß der Bericht über seine von Plagiaten durchzogene Doktorarbeit auch veröffentlicht werden wird, gerät die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin unter Druck. Offenbar hat sie ebenfalls fremde Texte in ihrer Doktorarbeit verarbeitet, die sie nicht als solche ausgewiesen hat.

Andreas Kasper, Dieter Jasper, Karl Theodor zu Guttenberg. Sie mußten ihre Doktortitel wieder abgeben, entweder weil sie sich in ihren Doktorarbeiten mit fremden Federn schmückten ohne dies zu kennzeichnen (Kasper, Guttenberg) oder den Titel in einer sogenannten »Titelmühle«, also einer Einrichtung, die Titel verteilt, die nirgendwo anerkannt werden, erworben haben (Jasper). Sie schmückten sich alle mit dem Doktortitel auf ihren Wahlplakaten.

Auch die heutige Familienministerin Kristina Schröder geriet wegen ihrer Doktorarbeit ins Gerede, bei der ihr die CDU-Parteizentrale wohl ordentlich unter die Arme gegriffen hatte, indem sie die statistischen Daten besorgte, die für die Arbeit notwendig waren (SZonNet: Denkler, T.: »Das schwarze Netz von Frau Doktor«). Anders wäre es der vielbeschäftigten Abgeordneten wohl kaum möglich gewesen, nebenher eben mal so die Doktorarbeit zu schreiben.

In seiner Verteidigungsstrategie zu Beginn des Skandals erklärte zu Guttenberg, er sei sehr eingespannt gewesen, hätte Streß gehabt und deshalb seien ihm »Fehler« unterlaufen, von denen die Universität mittlerweile offenbar glaubt, daß sie eher absichtlich geschehen seien.

Auch Silvana Koch-Mehrin hat ihren Doktor-Titel auf die Wahlplakate drucken lassen. Insofern kann es für sie ebenso ärgerlich werden wie für zu Guttenberg, wenn sich jetzt herausstellen sollte, daß sie in erheblichem Umfang plagiiert hat. Denn in der Diskussion um zu Guttenbergs »Collage« wurden in der Öffentlichkeit die entsprechenden Maßstäbe gesteckt, die nun auch auf Koch-Mehrin Anwendung finden dürften.

Im Umfeld des Skandals um Dieter Jasper wurden auch Rufe um Nachwahlen im Wahlkreis Steinfurt III laut, weil das Direktmandat mit einer solch knappen Mehrheit gewonnen wurde, daß nicht auszuschließen sei, daß der Doktortitel und Jaspers Rennomieren damit den Ausschlag gegeben haben könnte. So oder so, letztlich ist das Argument, daß jemand, der seinen unechten Doktor-Titel auch auf den Wahlplakaten veröffentlicht hat, die Wähler täuschte, nicht von der Hand zu weisen.

Dabei ist ein Politiker nicht unbedingt auf den Titel angewiesen, wie Bildungsministerin Schavan in der Guttenberg-Affäre argumentierte. Aber offensichtlich schätzen Politiker den Wert des Titels doch als so hoch ein, daß dieser auch mit fragwürdigen Mitteln erreicht werden muß.

Nun mag es als ungerechtfertigt anmuten, Kristina Schröders Doktortitel in diesem Kommentar zu diskutieren, hat sie nach gegenwärtigem Kenntnisstand kein Plagiat fabriziert, sondern sich nur kräftig helfen lassen, dies jedoch im Rahmen der zulässigen Grenzen. Zugleich aber hebt der Autor des oben zitierten Artikels hervor, daß andere Studenten von solcher Hilfe nur träumen können. Die Frage, die sich hier aus wissenschaftlicher Sicht stellt ist, welchen Wert eine solche wissenschaftliche Arbeit dann überhaupt hat, wenn sie sozusagen nebenher zwischen Tür und Angel angefertigt wird.

In der Medizin sind solche Arbeiten die Regel. Die Doktorarbeiten der Mediziner sind indes gewissenhaft angefertigt, verfolgen jedoch nicht den wissenschaftlichen Anspruch, Neues zu entdecken. Statt dessen wird über Themen geschrieben, zu denen es bereits zahlreiche Abhandlungen gibt. Dies hat jedoch den Hintergrund, daß ein Arzt in Deutschland schon einen Doktor haben sollte, wenn er von den Patienten entsprechend akzeptiert werden will. Ein Arzt kann auch ohne Doktortitel hochqualifiziert und ein guter Arzt sein, sein Problem ist dann nur eben, daß ihm das nicht jeder glaubt.

Einen vergleichbaren Status hat der Doktortitel beim Politiker nicht. Für die Akzeptanz durch den Wähler spielt ein Doktortitel nur eine untergeordnete Rolle, zumal ja auch nicht jeder Politiker ein Akademiker ist. Nach den Skandalen um Kasper, Jasper und zu Guttenberg könnte der Doktortitel allmählich gar zu einem Risiko für Politiker werden, insbesondere, wenn er nur zum Zwecke der Außenwirkung erworben wurde.

Der Fall Koch-Mehrin könnte hier möglicherweise den Tropfen mit sich bringen, der das entsprechende Faß zum Überlaufen brächte. Wenn es zu einem gängigen Klischee wird, daß der Doktortitel bei Politiker nur schöner Schein sei, ist das dem gesellschaftlichen Status der Politiker abträglich und gäbe dümmlichen Klischees neue Nahrung. Aus diesem Grund ist es richtig, daß Kasper und Guttenberg ihre Ämter abgeben mußten, und das gleiche Schicksal sollte auch Koch-Mehrin ereilen, sollte ihre Doktorarbeit tatsächlich zu einem bedeutsamen Anteil aus Plagiaten bestehen.

Das Zeichen, das allemal von diesen Skandalen ausgehen sollte ist, daß sich Politiker vielleicht doch mehr um Inhalte als um die Selbstdarstellung kümmern sollte.

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