Als die Doktor-Titel abhanden kamen…


Mittlerweile dürfte auch schon der Ruf des Doktor-Titels an sich gefährdet sein: Am heutigen Tag, als die Uni Bayreuth den Bericht über die Dissertation zu Guttenbergs veröffentlichte, wurde der Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Bayern, Veronica Saß, der Doktor-Titel entzogen. Auch sie hatte kräftig abgeschrieben ohne die entsprechenden Quellen zu kennzeichnen.

Und noch am selben Abend trat Silvana Koch-Mehrin, deren Doktor-Arbeit zur Zeit ebenfalls unter Plagiatsverdacht steht, von ihren politischen Ämtern zurück. Zumindest sie zog zügig die Konsequenzen und mutete der Öffentlichkeit nicht einen solch quälenden Prozeß zu wie es der Freiherr zu Guttenberg tat.

Der Reihe nach: Der Bericht der Universität Bayreuth benannte es deutlich: Karl Theodor zu Guttenberg hatte massiv abgeschrieben, und dies nicht etwa aus Versehen sondern in voller Absicht. So viel plagiierte Stellen, da könne kein Versehen zugrundeliegen. Ansonsten jedoch war der Ton hinsichtlich zu Guttenberg ausgesprochen freundlich: Prof. Bormann dankte zu Guttenberg gleich zwei Mal dafür, daß er sein Einverständnis gegeben habe, den Bericht zu veröffentlichen – als verstünde sich dies nicht von selbst, nachdem zu Guttenberg behauptet hatte, an der Aufklärung interessiert zu sein.

Hinsichtlich der Doktorväter ist das Gutachten der Kommission »Selbstkontrolle der Wissenschaft« nicht besonders kritisch gewesen. Auch die Prüfer seien getäuscht worden, befindet der Bericht und bemängelt allenthalben, daß die Begründung für das »summa cum laude« ausführlicher hätte ausfallen können. Die Frage, ob der Prüfer die Arbeit überhaupt eingehend gelesen habe, wurde nicht einmal von den Journalisten gestellt.

Der Bericht mit den Gutachten der Prüfer zu Guttenbergs im Anhang wurde von der Uni Bayreuth inzwischen veröffentlicht (Quelle). In seinem Gutachten verweist der Prüfer Dr. Häberle auf diverse Stellen in der Arbeit zu Guttenbergs. Dennoch stellt sich die Frage, ob er bei dem vielen Vertrauen, welches auch bei der Pressekonferenz der Universität immer wieder betont wurde, die Arbeit überhaupt kritisch gelesen hatte. Die Gutachter der Kommission kamen zu dem Schuß, daß Häberle und sein Co-Prüfer keinen Anhaltspunkt für eine Täuschung hatten und somit das Plagiat nicht erkennen konnten.

Auf der anderen Seite muß doch bei den zahlreichen Quellen, die zu Guttenberg verwendet hatte, ein Stilbruch dem anderen gefolgt sein. Das hätte einen kritischen Leser doch zumindest nachdenklich machen können. Zudem wurde auch die Frage diskutiert, inwieweit das Vertrauen in den Prüfling da sein müsse, und daß gerade wegen dieses Vertrauens nicht der Generalverdacht der prinzipiellen Plagiatsprüfung eingesetzt werden dürfe.

Andere Universitäten haben damit weniger Probleme, so auch die Uni, an der ich studiert habe. Dort waren die entsprechenden Arbeiten stets auch in elektronischer Form zum Zwecke der Plagiatsprüfung abzugeben. Für meine Person kann ich nur sagen, daß ich mich dadurch nicht beeinträchtigt gefühlt habe, und auch mein Vertrauen zu den Dozenten nicht getrübt war. Es war ein normaler, technischer Vorgang.

Die Frage muß erlaubt sein, ob eine generelle Plagiatsprüfung nicht den ganzen Widrigkeiten vorzuziehen gewesen wäre, mit denen wir es jetzt zu tun haben. Denn letztlich wird der Ruf des Doktor-Titels auch nicht besser dadurch, daß jetzt einem Politiker nach dem anderen dieser aberkannt wird, weil er bei dessen Erlangung geschummelt oder betrogen hat. Hier wäre sicher eine Güterabwägung zugunsten einer generellen Plagiatsprüfung vorzunehmen!

Wie auch immer: zu Guttenbergs Prüfer kommen schlicht zu gut weg. Vertrauen in den Prüfling kann nicht rechtfertigen, daß man offenbar so gar nicht kritisch an die Arbeit herangeht. Man möchte lachen, wäre es nicht so traurig, wenn man im Gutachten von Prof. Häberle liest:

»Der Verf.[asser, R.B.] schreibt flüssig, er gliedert klar, er verwendet gekonnt alle einschlägige Literatur […]« (S. 48 im Dokument)

Die Schlußfolgerung aus dieser Affäre sollte sein, daß letztlich auch die Gutachter kritischer mit ihren Doktoranden umgehen. Dies stellt keine Beleidigung dar, sondern liegt im Interesse der Wissenschaft, die sich weitere peinliche Dramen wie jenes um zu Guttenberg ersparen sollte.

Und zu Guttenberg selbst? Er behauptet noch heute, nicht absichtlich abgeschrieben zu haben und verweist auf den Streß und die Familie. Diese nachhaltige, geradezu penetrante Uneinsichtigkeit zu Guttenberg sollte dafür sorgen, daß dieser Mann in der Politik nichts mehr werden kann.

Letztlich bleibt das ungute Gefühl, daß hier auch und insbesondere bei der Bewertung der Arbeit zu Guttenbergs die Prominenz des Doktoranden eine Rolle gespielt hat, zumal Häberle in seinem Gutachten auch das Bundestagsmandat des Prüflings erwähnt.

Ähnliches möchte man für die Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten annehmen. Auch hier könnte möglicherweise die Prominenz bei der Bewertung insofern eine Rolle gespielt haben, als daß nicht so genau hingeschaut wurde.

Verbleibt noch der Fall Koch-Mehrin. Sie hatte ein den letzten Wochen zu den Umständen ihrer Doktorarbeit eisern geschwiegen und trat heute zurück. Es mag sein, daß sie gehofft hat, daß sich das Problem von alleine in Luft auflöst und hat heute die Konsequenzen gezogen als sie erkannte, daß es wohl so nicht sein würde. Auch sie gehörte zu den Politiker/innen, die ihre Wahlplakate mit dem Doktortitel geschmückt hatten.

Möglicherweise wurde dies überbewertet. Auf der anderen Seite dürfte es nach dieser Serie von Aberkennenungen von Doktor-Titeln bei Politiker für jene inzwischen reichlich unattraktiv geworden sein, diesen auf die Plakate zu drucken. Dies ist letztlich insofern bedauerlich, als daß es auch jene trifft, die ihren Titel auf ehrliche Weise erworben haben.

Dies ist dann auch der Schaden, der der Universität Bayreuth und zahlreichen weiteren Studenten, die ihren Doktor ehrlich erworben haben entstanden ist: Ihre Glaubwürdigkeit ist infrage gestellt. Der Versuch der Universität Bayreuth, das Problem allein bei zu Guttenberg abzuladen und die eigenen Professoren zu schützen, macht dies eher noch schlimmer denn besser. Ein unwürdiges politisches Theater nahm letztlich ein unwürdiges universitäres Ende.

Dennoch ist es richtig, daß all diese Fälle aufgedeckt wurden und weitere, wenn es sie gibt, aufgedeckt werden. Nur wenn unredlich erworbene Doktor-Titel wieder eingesammelt werden, kann dieser wissenschaftliche Grad seine Glaubwürdigkeit wiedererlangen.

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