Der Mörder, der einen Prozeß gewann


Aus einer gewissen verständlichen Wut und Unverständnis heraus haben Opferverbände und weitere Kritiker empört auf das Urteil reagiert, nach dem Gäfgen ein Schadensersatz für die Folterandrohungen zugesprochen wurde. In einer solchen Atmosphäre, in der die Öffentlichkeit über den Prozeßgewinn eines Kindesmörders entsetzt ist, fällt es schwer, das Urteil gutzuheißen ohne in den Verdacht zu geraten, die Tat Gäfgens verharmlosen zu wollen.

Weil aber die Tat Gäfgens so monströs ist, scheint dem ein oder anderen Kommentator der Blick für ein weiteres Unrecht abhandengekommen zu sein, nämlich die Androhung von Folter durch einen Polizisten. Politiker haben seinerzeit gefordert, daß nicht nur die Androhung sondern auch Folter in Gegenwart eines Arztes möglich sein soll, um einen Tatverdächtigen zum Sprechen zu bringen. Mancher wollte dies einschränken, indem er die Folter nur erlauben wollte, wenn viele Menschenleben gerettet würden – wie das wohl im Gesetz formuliert werden sollte?

Nein, jedes Zugeständnis bei der Folter öffnet die Tür zu Abu Ghraib, zu den fürchterlichen Folterverbrechen, die dort begangen wurden. Ein bißchen Folter, wie es die Befürworter solcher Regelungen implizieren, gibt es nicht. In einem Staat wird entweder gefoltert oder nicht gefoltert. Dazwischen gibt es nichts. Allein schon die Folterverbrechen amerikanischer Soldaten im Irak haben die moralische Autorität des gesamten Westens in dieser Frage bereits erheblich beschädigt. Von einem Nein zur Folter darf es kein Abrücken geben.

Wäre nun der Geschädigte unschuldig und von Daschner seinerzeit zu Unrecht bedroht worden, hätte sicher niemand gegen dieses Urteil etwas auszusetzen. Weil aber das Folteropfer selbst Täter ist, und der Mord an einem Kind zu den emotional wohl am stärksten belegten Taten zählt, gerät das eigentliche Unrecht der Folter in den Hintergrund. Mit der Kritik an diesem Urteil, das Gäfgen Schadensersatz zuspricht, droht aber durch die Hintertür eine klammheimliche Billigung von Folter, wenn der Tatverdächtige ein Monster ist. Die Krux ist halt nur, daß man so etwas immer erst hinterher weiß.

Unter Folter gestehen Menschen die unglaublichsten Dinge. Das zeigte allein schon das Mittelalter, als die sogenannten »Hexen« gefoltert wurden um sie zu Geständnissen für Taten zu bringen, die kein Mensch begangen haben kann. Auch in der jüngeren Geschichte zeigt sich, daß Menschen unter Folter Dinge gestehen, die die Folterknechte hören wollen. Ein Beispiel ist der authentische Fall, der in dem Spielfilm »Der Mordfall Marcus-Nelson« dargestellt wurde, und in dem ein junger Schwarzer, der auf einem Polizeipräsidium von Polizisten zusammengeschlagen wurde, mehrere Vergewaltigungen und zwei Morde gestand, die er nicht begangen hatte.

Insofern ist das Urteil richtig, denn es zeigt, daß in einem Rechtsstaat wie dem unseren nicht gefoltert werden darf, um keinen Preis, auch dann nicht, wenn das potentielle Opfer ein Kind ist. Der Rechtsstaat darf nicht morden und er darf nicht foltern. Diese schlichte Erkenntnis droht in diesen Tagen unterzugehen, wenn in den Medien die große Ungechtigkeit beklagt wird, daß ausgerechnet Gäfgen vor Gericht Recht bekommen hat.

Ja, es ist ärgerlich, daß ausgerechnet dieser Täter Recht bekommen hat, aber die Gesamtumstände des Vorgangs machten es unumgänglich. Das Signal muß sein, daß sich die Polizei ins Unrecht setzt, wenn sie foltert. Gäfgen selbst hat für seine Tat sein Urteil bereits entgegennehmen müssen, und auch das ist gerecht. Es wäre schön, wenn in der öffentlichen Diskussion diese Dinge nicht durcheinandergebracht würden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Innenpolitik, Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s