Uni Düsseldorf, Annette Schavan und der Doktortitel…


Weil in den letzten Wochen so viel Lob an die Adresse von Annette Schavan und so viel Kritik in Richtung der Universität Düsseldorf geäußert wurde, wäre dies ein guter Zeitpunkt, die Diskussion von dem Kopf auf die Füße zu stellen. Denn es entstand nachhaltig der Eindruck, daß nicht etwa Annette Schavan sondern die Universität Düsseldorf Unrecht getan hätte.

Zunächst zu den Lobgesängen der Ministerin: Auf den NachDenkSeiten sind bereits zahlreiche Fehlleistungen und Irrtümer der Ministerin bei der Ausführung ihres Amtes aufgeführt worden. Eine sehr erhebliche Fehlleistung fehlt allerdings noch in der Liste: Die Verschlechterungen der Arbeitsverhältnisse der akademischen Mitarbeiter an den Universitäten. Insbesondere wenn die Projekte, an denen sie arbeiten aus Drittmitteln – also meistens Geld aus der Wirtschaft- finanziert werden, können die Mitarbeiter praktisch bis an ihr Lebensende befristet beschäftigt werden. Eine Befristung kann ohne Grund an die nächste gehängt werden!

Wer ständig in prekären Beschäftigungen angestellt ist, hat vielerlei Beschränkungen. Er oder sie ist in der Regel nicht in der Lage, seine Meinung offen zu äußern ohne zu riskieren, daß die Befristung ausläuft falls dem entscheidenden Professor die Meinung nicht gefällt, und er kann auch seine ureigensten Arbeitnehmerrecht nicht ohne Risiko wahrnehmen. Gerade Menschen mit guter Ausbildung, wie es Akademiker sind, werden auf diese Weise in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen gehalten, während die Politik nach außen immer wieder behauptet – und auch die Studiengebühren mit dem Argument rechtfertigt, daß Akademiker nach ihrer Ausbildung in sichere, gut bezahlte Arbeitsverhältnisse gingen.

Mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das von Annette Schavan zu verantworten ist, war Schluß mit sicheren Arbeitsverhältnissen an der Universität. Im internationalen Vergleich ist Deutschland inzwischen Spitze bei den prekären Beschäftigungsverhältnissen für Universitätsangestellte. Dies zeigte auch ein Beitrag von Monitor am 16.06.2011 (»Doktor Arbeitsamt: Wie wissenschaftliche Mitarbeiter in die Illegalität getrieben werden«. Das Transkript der Sendung ist noch im Internet aufzufinden, kann hier aber aus urheberrechtlichen Gründen nicht verlinkt werden).

Auf der anderen Seite steht die Freiheit der Wissenschaft. Sie ist grundgesetzlich garantiert, und aus ihr kann auch abgeleitet werden, daß sie innere Angelegenheiten wie die Vergabe akademischer Grade selbst regeln kann. Was in der öffentlichen Diskussion und bei allen Versuchen, die Fehlleistungen der Ministerin a.D. zu relativieren, in Vergessenheit gerät, ist die eigentliche Aussage des Doktortitels: Dem Träger des Doktortitels wird bescheinigt, in der Lage zu sein, wissenschaftlich zu arbeiten. Wer Zitate nicht ordentlich kennzeichnet und Literatur, die er verwendet hat, nicht im Literaturverzeichnis aufführt, kann dies offensichtlich nicht.

Befremdlich mutet da auch die Unterscheidung von Heribert Prantl zwischen »kleinen« und »großen« Plagiaten an (Süddeutsche Zeitung). Auf der einen Seite schreibt Prantl, daß man das Plagiat Schavans nicht mit dem zu Guttenbergs vergleichen könne und tut es dann doch: Gemessen an zu Guttenberg sei es eben ein »kleines« Plagiat. Und das rechtfertige dann, den Titel nicht zu entziehen sondern nur das Amt. Warum eigentlich?

Auch Prantl ruft nach dem »unabhängigen Gutachter«. Aber warum sollte Schavan hier eine Sonderbehandlung gegenüber anderen bekommen, die bei ihrer Doktorarbeit abschreiben? Es geht in der politischen und journalistischen Debatte offenbar darum, einen Dreh zu finden, den Doktortitel für Annette Schavan zu retten. Auch hier: Warum eigentlich? Damit sie die oben beschriebene Politik fortsetzen kann?

Es gab ein Gutachten, das eine »leitende Täuschungsabsicht« diagnostizierte und den Beschluß der Universität, daß dies alles so schwer wiegt, daß ihr der Titel entzogen werden müsse. Wie kommen dann eigentlich Leute, die sich bei weitem nicht so intensiv mit der Arbeit und den Fehlleistungen der Autorin befaßt haben wie die Universität und der Gutachter dazu, das alles wegwischen und erklären zu wollen, daß das alles nicht so schlimm sei? So kann eigentlich nur jener argumentieren, der andere Gründe hat, Schavan den Titel und sie selbst in der Politik erhalten zu wollen.

Nach dem externen Gutachter kann eigentlich nur jener rufen, dem das Ergebnis des ordentlichen, vorschriftmäßigen Verfahrens nicht paßt. Gewöhnen wir uns das vielleicht auch bald mal in anderen Fällen an? Was, wenn uns ein Gerichtsurteil nicht paßt? Rufen wir dann auch nach dem externen Richter, der das Urteil so fällen soll, wie es uns gefällt?

Ein Gericht wird nun entscheiden, wie es mit Schavans Titel weitergeht. Dabei wird es vor allem das Verfahren und weniger den Inhalt prüfen. Solche Prüfungen gehen nur selten zugunsten desjenigen aus, der seinen Doktortitel behalten möchte. Es bleibt zu hoffen, daß all jene, die sich jetzt aus möglichen anderen Interessen für Schavan einsetzen, das Urteil des Gerichtes auch dann akzeptieren werden, wenn es – was wahrscheinlich ist – nicht in ihren Kram paßt.

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