Politikwissenschaft und Gesellschaft


Seit je her haben sich Menschen mit der Frage beschäftigt, was eine Gesellschaft und/oder ein politisches Systems zusammenhält. Die Frage nach der Ausgestaltung von Gesellschaften stellten sich bereits Denker der Antike, noch weit bevor es eine formalisierte Gesellschaftswissenschaft in Form der Soziologie und der Politikwissenschaft gab.

Aufgabe und Zweck von Soziologie und Politikwissenschaft sollte sein, sich weiterhin über die Ziele und den Sinn von gesellschaftlichen und politischen Systemen Gedanken zu machen und hier auch den Mut zu besitzen, Alternativen zu diskutieren und in die öffentlichen politischen Debatten einzubringen.

Begriffe wie »Sozialkapital« und „Humankapital“ deuten darauf hin wie weit die Ökonomisierung der Gesellschaft vorangeschritten ist. Mit dem Siegeszug des Neoliberalismus wurden Sichtweisen der Gesellschaften, die von ökonomischen Kategorien abweichen, an den Rand der öffentlichen Diskussionen gedrängt. Sozialwissenschaftler dürfen sich zuweilen den Vorwurf anhören, sie hätten „am Markt vorbei“ studiert.

Dabei ist die Funktion von Sozialwissenschaften wie Soziologie und Politikwissenschaften gerade in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. Aufgabe dieser Wissenschaften sollte sein, den Blick darauf zu lenken, daß eine Gesellschaft mehr beinhalten muß als die schlichte Ökonomie. Gesellschaftliche Bedürfnisse gehen über die ökonomische Verwertbarkeit aller innergesellschaftlichen Beziehungen hinaus. Eine verantwortungsbewußte Sozialwissenschaft sollte hierauf ständig hinweisen und sich darum bemühen, solche Zusammenhänge ständig wieder ins öffentliche Bewußtsein zu rücken.

Leider gibt es in Teilen der Sozialwissenschaften Tendenzen, die ökonomischen Grundregeln des Neoliberalismus in soziologische Theorien zu übertragen, wie zum Beispiel bei der soziologischen Systemtheorie, die mit ihrer Vorstellung codierter autopoietischer (selbsterhaltenden) Systeme der Gesellschaft nicht nur die Vernaturwissenschaftlichung der Soziologie versucht, sondern auch den neoliberalen Steuerungspessimismus übernimmt.

Statt dessen sollte die zentrale gesellschaftliche Funktion der Sozialwissenschaften darin liegen, politisch-demokratische Ideen weiterzuentwickeln und in der Öffentlichkeit ein Bewußtsein zu schaffen, daß nicht die Ökonomie sondern die demokratisch fundierte Politik das zentrale Entscheidungszentrum einer Gesellschaft sein muß. Hier sind natürlich auch die Politiker gefragt, die ein entsprechendes (Selbst)Bewußtsein entwickeln müssen, statt zum Teil selbst ihre eigene Unzulänglichkeit gegenüber der Privatwirtschaft zu bejammern. Nicht die Ökonomie sondern die demokratische Politik sollte der Maßstab der Gesellschaft sein. Der Mensch an sich muß wieder das Subjekt sein, und zwar als mit der grundgesetzlich garantierten unveräußerlichen Menschenwürde und nicht etwa als „homo oeconomicus“ und Konsument.

Politikwissenschaft kann hier mit der Entwicklung entsprechender Konzepte einen wichtigen Beitrag leisten. Hierzu muß sie sich allerdings konsequent lossagen vom ökonomistischen Denken des Neoliberalismus und den Mut entwickeln, eigene soziale und sozialpolitische Konzepte zu schaffen.

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