Öffnen um jeden Preis?


Der Druck der Corona-Müden und der Wirtschaft wirkt – die Politik hat nun eine Öffnungsstrategie beschlossen, obwohl die Zahlen der Neuinfektionen gerade wieder steigen. Zudem wurden Änderungen in der Impfstrategie und die Einführung von Schnelltest beschlossen. Zudem soll es eine Öffnung mit Notbremse geben. Die, allerdings, könnte schneller und drastischer gezogen werden können als der Politik gerade im Wahljahr 2021 lieb sein könnte.

So hatte dann auch der Kanzleramtsminister Helge Braum mitgeteilt, daß, wenn allen Bürger/innen ein Impfangebot gemacht worden sei, im Sommer zur Normalität zurückgekehrt werden könne. Die Botschaft hinter der Botschaft lautet, daß, wenn jedem ein Impfangebot gemacht wurde, jeder, der es nicht annimmt, selbst Schuld hat, wenn er an Covoid-19 erkrankt und eventuell stirbt. Es ist der Impfzwang durch die Hintertür, weil Bereiche der Wirtschaft immer offener fordern, daß endlich Schluß sein muß mit der Schließung (und damit der Rücksichtnahme auf Gesundheit und Leben der Menschen). In dieser Logik verdient kein Mitgefühl mehr, wer sich – aus welchen Gründen auch immer – nach einem solchen Angebot nicht impfen läßt.

Aber so weit sind wir noch nicht. Im Gegenteil. Das Impfen zieht sich hin und der Anteil der Bevölkerung, der eine Impfung erhalten hat, steigt nur langsam. Wegen der obengenannten Ungeduld machen Vorschläge die Runde, den gesamten vorrätigen Impfstoff zu verabreichen und sich für die zweite Runde auf die Nachlieferungen des Impfstoffs zu verlassen – Experten raten hiervon ab! Denn auch die zweite Impfung ist wichtig, und die vergangenen Wochen haben gezeigt, daß auf die Lieferanten nur bedingt Verlaß ist.

Und ohnehin zeigen sich weitere Schwächen in der Impfstrategie. So fällt es zum Beispiel in Sachsen der Landbevölkerung schwer, einen Impftermin zu bekommen. Wochen nach dem Impfstart haben selbst über 80jährige, die im ländlichen Bereich wohnen, keine Aussicht auf einen Impftermin, weil es zu wenig Impfzentren gibt. Und auch der Beschluß, die Impfung durch Hausärzte zuzulassen, wird sich in seiner Umsetzung noch hinziehen und ist für Menschen im Alter von über 65 Jahren ohnehin wertlos, weil der AstraZenica-Impfstoff, der in den Hausarztpraxen verabreicht werden soll, weil diese im Gegensatz zu jenen von Moderna und BioNTech nicht so tief gekühlt werden muß, für diese Bevölkerungsgruppe bislang noch nicht zugelassen war und erst jetzt zugelassen wurde.

Besonders abwegig ist die Idee, Öffnungen regional nach der Infektionsentwicklung zuzulassen. Gerade diese Idee, die wohl in besonderem Maße den Corona-Verdrossenen und der Wirtschaft Rechnung tragen dürfte, könnte zu einem Infektionsbeschleuniger werden. Man stelle sich vor: In den Landkreisen A, B und C sind die Infektionszahlen niedrig, in den nicht weit davon entfernten Landkreisen D, E und F sind die Zahlen hoch. Nun wird in A, B und C gelockert: die Läden öffnen, in den Fußballstadien wird wieder begrenzt Publikum zugelassen, während in D, E und F alles geschlossen bleibt. Sofern nicht die Absicht besteht, die Landkreise A, B und C nun mit Militär- und Polizeisperren abzuriegeln, werden sich die Bewohner von D, E und F auf den Weg machen, um in A, B und C einzukaufen und tragen damit die Pandemie wieder in diese Städte hinein. Rund drei Wochen nach Öffnung dürfte dann wieder der Lockdown in diesen drei Kommunen erfolgen.

Es rächt sich, daß die Politik sich bislang nicht getraut hat, einen richtig harten Lockdown durchzusetzen, was allerdings immer schwerer wurde, je länger sie damit gewartet hat. Denn die wechselnden Lockerungen und das uneinheitliche Handeln der Bundesländer haben in der Bevölkerung zu Erwartungen und Verdrossenheit geführt. Ein harter Lockdown am Anfang hätte vermutlich mehr bewirkt, als das Herumlavieren und die faulen Kompromisse zwischen Lockdown-Vertretern auf der einen und radikalen Öffnern auf der anderen Seite. Ärgerlich war auch stets, daß nach jeder Runde von Kanzlerin und Ministerpräsidenten stets einige vor die Medien getreten waren und erklärten, daß sie die Maßnahmen unterstützen, diese aber in ihrem Land so nicht durchgeführt würden.

Als ein bedeutendes Beispiel für verunglückte Kommunikation gilt das Gezerre um den AstraZenica-Impfstoff. Daß das Vertrauen der Menschen in diesen Impfstoff beschädigt wurde, nachdem nicht nur in epischer Breite über den Wert der Studiendaten diskutiert wurde, sondern auch das Gesundheitsministerium in ganzseitigen Anzeigen wissen ließ, daß der Impfstoff lediglich zu 70% wirksam sei gegenüber zu rund 90% beim Impfstoff von BioNTech und Moderna, dürfte auch keine Maßnahme der Vertrauensbildung gewesen sein. So fühlen sich die Menschen, bei denen nun der AstraZenica-Impfstoff verabreicht wird, als Geimpfte zweiter Klasse, woran auch all jene eine Mitschuld tragen, die vorgeprescht sind, statt zunächst das Test- und Zulassungsverfahren in aller Sorgfalt zu Ende zu führen. Der Schaden, der jetzt angerichtet wurde, dürfte größer sein als jener, der entstanden wäre, wenn es noch ein paar Wochen länger bis zur Zulassung gedauert hätte.

Wie sehr die Politik in diesen Fragen von der politischen Hand in den Mund lebt, zeigt sich auch bei der Öffnung der Kindergärten und Schulen. Es entsteht ohnehin der Eindruck, daß die schnelle Rückkehr zum Unterricht für den einen oder die andere Ministerpräsident/in bereits zur Ideologie geworden ist. Beharrlich hält sich ohnehin das Gerücht vom Anfang der Krise, daß Kinder nicht ansteckend seien, und einige Befürworter der Schnellen Öffnung von Schulen und Kindergärten hängen diesem noch heute an.

Nun aber die Schulen und Kindergärten Anfang März und zu öffnen und dann erst zu diskutieren und zu beschließen, daß Leher/innen und Betreuer/innen schneller geimpft werden sollen, um deren Risiko, das die Öffnungsentscheidung für die birgt, zu reduzieren, ist schon eine Mißachtung der Gesundheit der Lehrkräfte. Es war in den vergangenen Monaten Zeit genug gewesen, sich genau über diesen Punkt Gedanken zu machen, denn das Gerede von der schnellen Schulöffnung hatte nicht erst gestern begonnen. Statt dessen wird jetzt genau dieser wichtige Punkt nachgereicht.

Es ist verständlich, wenn sich die Menschen nach über einem Jahr Corona wünschen, daß es endlich wieder zur Normalität kommt. Aber angesichts der Entwicklung und der Verbreitung der mutierten Viren ist eine solche Normalität wohl nicht in absehbarer Zeit greifbar. Politik, die verantwortungsbewußt handelt, würde den Menschen diese Wahrheit erklären und darüber hinaus endlich konsequente und stimmige Maßnahmen ergreifen. Denn nur solche führen am Ende zurück zur Normalität. Schnelle Öffnungsstrategien – und das hat die jüngere Vergangenheit eigentlich auch schon gezeigt – führen nur zurück zu weiteren Lockdowns, die dann gegebenenfalls noch härter sein müssen als der gegenwärtige.

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